[Hörbuch-Rezension] "Der Circle" - Dave Eggers

Titel: Der Circle 
Autor: Dave Eggers 
Sprecher:  Torben Kessler
Anbieter: HörbucHHamburg HHV GmbH
Format: Mp3-CD
Laufzeit: gekürztes HB, ca. 602 Min.
Preis: 24,99€
Erscheinungsdatum: 08.08.14 

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Inhalt:
Klappentext: "Huxleys »Schöne neue Welt« reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim »Circle«, einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz – so ein Ziel der »drei Weisen«, die den Konzern leiten – wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles.."

Protagonistin Mae, eine junge und in ihrem bisherigen Job mehr als unzufriedene Freundin der erfolgreichen Circle-Anhängerin Anni, ergattert durch deren Empfehlung einen der begehrtesten Arbeitsplätze der Welt - einen Job beim Circle! In diesem Unternehmen, in dem alle Mitarbeiter eine große Familie bilden und das oberste Gebot 'Transparenz' lautet, hat Mae zum ersten Mal in ihrer Karriere das Gefühl, etwas Produktives für die Gesellschaft zu leisten.

Der Circle ist ein Unternehmen der Zukunft. In keiner anderen Firma der Welt wird soviel für das vermeintliche Wohl der Mitarbeiter getan, wie hier. Kostenlose Gesundheits-Checks durch betriebseigene Ärzte, Campus-Parties und ein Raum voller Gratis-Testmuster - von der Markenjeans bis hin zum Schokoriegel - sorgen für eine stets positive Stimmung unter den Circle-Anhängern (und vermitteln ganz nebenbei das Gefühl, dem Circle verpflichtet zu sein).

Mae startet also in der "CE" - der "Customer Experience", einer Abteilung, die sich hauptsächlich mit Kundenanfragen und deren Feedbacks beschäftigt. Nach und nach werden ihr allerdings immer mehr Aufgaben zugeteilt und Mae gerät immer mehr in einen Sog aus absoluter Überwachung und ständigem "Social Networking". Mit der Zeit verwandelt sie sich von der anfangs zwar begeisterten, doch leicht introvertieren Neueinsteigerin in eine selbstbewusste Verfechterin der Visionen des Circle - und damit zum Idol von Millionen Anhängern vor den Bildschirmen. Dabei merkt sie nicht, wie weit sie sich dabei von der Realität und jeglicher Menschlichkeit entfernt..

 'Geheimnisse sind Lügen'

Dieses Hörbuch hat mich wirklich sehr zwiegespalten zurückgelassen. Auf der einen Seite erlebt der Leser eine unglaublich düstere Zukunftsvision einer Welt, in der die Technologie so weit vorangeschritten ist, dass der Mensch nur noch als gläserne Hülle, ohne Geheimnisse (denn "Geheimnisse sind Lügen") und ohne Privatsphäre existiert. Ich war erschrocken über die Projekte, die innerhalb des Circle realisiert wurden - beispielsweise die Einführung von Chip-Implantaten, um Kinder jederzeit orten zu können und sie so vor Entführungen zu bewahren; oder etwa die Wahlpflicht, die es unmöglich macht im Amerika der Zukunft nicht wählen zu gehen, ohne von der Gesellschaft (in dem Fall den Social Networks) ausgeschlossen zu werden.
Auf der anderen Seite steht eine flache Geschichte, durch die sich unglaubwürdige Charaktere ohne Tiefe bewegen. Auch wenn der Leser Mae bereits seit den ersten Kapiteln begleitet, so hatte ich nie das Gefühl, sie wirklich kennen zu lernen. Ich konnte ihre Handlungen und ihre Gedankengänge nur schwer nachvollziehen und vieles ist mir bis jetzt rätselhaft.
Für den Circle opfert Mae bedingungslos jegliche Privatsphäre. Sie treibt es schließlich sogar so weit, dass sie ihr Leben 24 Stunden am Tag per Live-Stream ins Internet überträgt, alles dreht sich nur noch um "Likes" und "Frowns" und darum, wie sehr sie sich an Online-Umfragen oder Campus-Parties beteiligt. Nicht ein einziges Mal hinterfragt sie eine Entscheidung ihrer Vorgesetzten. Nicht einmal stellt sie sich die Frage, wie weit dieser Wahn führen soll. Stattdessen verrät sie ihre Familie und verletzt die Menschen, die ihr einst nahe standen.
Freunde oder soziale Kontakte scheint es ausserhalb des Circles nicht zu geben und die gab es offenbar auch nie, denn ausser ihrem Ex-Freund, ihren Eltern und der Studienkollegin Anni wird niemand sonst erwähnt. Alles ein wenig merkwürdig.
Ein weiterer Kritikpunkt war für mich Maes Verhältnis zu Männern. Scheinbar wahllos verliebt sie sich Hals über Kopf in einen Wildfremden, nur um diesen einige Tage später abgrundtief zu hassen und sich in die nächste große Liebe zu stürzen.

Es mag sein, dass dies alles einen höheren Sinn hat, der sich mir als Hörerin nur nicht ganz erschlossen hat. Vielleicht sind diese unverständlichen Handlungen nur ein Beispiel für die gnadenlose "Verdummung" der Menscheit, die die technologischen Entwicklungen mit sich bringen werden. Leider sieht man ja selbst heute schon genug Mitmenschen, die ohne größere Überlegungen Unmengen an persönlichen und privaten Daten ins Netz schütten, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken. Ich kann mir also vorstellen, dass der Autor seine Hauptfigur deshalb so überzogen naiv dargestellt hat.

Und doch muss ich zugeben, hat mich die Geschichte fasziniert. Ich war schockiert, mit welchen Argumenten - die in meinen Augen oft logisch und nachvollziehbar waren - der Circle seine Privatsphäre-verletztenden Projekte durchsetzen wollte und es letztendlich auch tat. 
Das Erschreckende daran war, wie schleichend dieser Prozess von statten ging und dass vieles, das wir bereits heute als selbstverständlich erachten (wie beispielsweise Clouds zur Datenspeicherung oder Live-Tracking-Programme, die jeden unserer Schritte aufzeichnen) uns eines Tages zum Verhängnis werden könnte. Und doch muss ich sagen, dass ich zu jeder Zeit sowohl die positiven als auch die negativen Argumente für und gegen die absolute Transparenz nachvollziehen konnte.

Torben Kessler, erzählt und spricht die verschiedenen Charaktere so, dass man sie wunderbar auseinanderhalten kann und mit einer sehr angenehmen Erzählstimme, die auch nach vielen kapiteln nicht anstrengend wird.

Ich bin froh, das Hörbuch "Der Circle" gehört zu haben. Selten hat mich eine Geschichte so ratlos zurückgelassen. Ratlos, weil ich einfach nicht weiß, wie ich es bewerten soll. Jedes andere Buch mit derart zahlreichen Logikfehlern hätte von mir eine vernichtende Kritik bekommen. "Der Circle" aber regt zum Nachdenken an; man beginnt sich zu fragen, wie weit die Technologien uns noch treiben werden. Die Idee hinter diesem Buch ist großartig, auch wenn man aus der Geschichte definitiv mehr hätte machen können. Auch das Sprachniveau konnte mich nicht überzeugen. Der Schreibstil ist sehr einfach gehalten und wahrlich keine Meisterleistung, was hoffentlich nur an der Übersetzung lag.

Wer eine actiongeladene, spannungsreiche Handlung erwartet, wird leider enttäuscht. Wer sich allerdings auf ein technisches Gedankenspiel in der nahen Zukunft einlassen und auch über eine seichte Story und flache Charaktere hinwegsehen kann, der wird sicherlich den einen oder anderen Denkanstoß erhalten und vielleicht in Zukunft etwas vorsichtiger mit seinen persönlichen Daten im Netz umgehen. Bei meinem Liebsten und mir hat "Der Circle" jedenfalls schon für reichlich Diskussionsstoff gesorgt :-)

Vorallem das beunruhigende Gefühl, das nach dem HörBuch zurückbleibt, regt zum Nachdenken an. Durch die leicht verständliche Sprache ist die Story wahrscheinlich für viele ansprechend und gut zu verarbeiten. "Der Circle" von Dave Eggers wird ganz bestimmt noch lange in meinem Gedächtnis bleiben.

Leider gibt es kaum einen richtigen Spannungsbogen und das Ende wirkt vorhersehbar. Die Charaktere sind leblos und flach und auch die Protagonistin war in vielen Situationen unglaubwürdig und naiv. Außerdem werden lediglich zwei Seiten dargestellt: die eine, die den Circle in seinem vollen Umfang befürwortet (Mae und der Circle selbst); und die andere, die sich rigoros gegen alle technischen Fortschritte sträubt (Maes Exfreund Mercer). Dazwischen gibt es nichts - was nicht sehr nah an der Realität liegt, schließlich hat jede Sichtweise ihre Vor- und Nachteile.

Nichtsdesto trotz denke ich, dass "Der Circle" ein wichtiges Werk ist, dass gerade in unserer heutigen Internet-fixierten Zeit möglichst viele Menschen lesen sollten, allein schon, um sich der Gefahren, die neuartige Technologien mit sich bringen könnten, bewusst zu werden. Schließlich darf man nicht vergessen, welche Macht die großen Internetkonzerne bereits heute haben und wie groß der digitale Fußabdruck heute schon ist, den wir dank Facebook, Twitter und allerlei Apps im World Wide Web hinterlassen.
Ich bin in meiner Bewertung sehr zwischen 2 und 3 Schmöker-Raben hin- und hergerissen, empfehle aber jedem, der sich für "Den Circle" und diese Art von Zukunftsvisionen interessiert, sich ein eigenes Bild von Dave Eggers Werk zu machen - es eröffnet in jedem Fall eine neue Perspektive auf die Sicht von Google und Co.!

Meine Wertung


Hast Du "Der Circle" bereits gelesen oder gehört? Beängstigen auch Dich solche Zukunftsideen und wieviel sollte man im Internet, Deiner Meinung nach, tatsächlich preisgeben?

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Liebste Grüße,



1 Kommentar:

  1. Das Problem haben aber viele Bücher - dass die Story gut ist, aber die Ausführung mies. Am Ende mag man sie wg. der Story, aber fragt sich, warum der Autor daraus nicht mehr gemacht hat :-(

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